Kongressrückblick: Jenseits des Wachstums

Vor einiger Zeit haben wir hier auf den Jenseits des Wachstumskongress in Berlin aufmerksam gemacht. Einige Aktive von KonsumGlobalLeipzig waren mit dabei und haben an vielen spannenden Vorträgen und Diskussionsrunden teilgenommen und ziehen ebenso wie die VeranstalterInnen im großen und ganzen ein positives Fazit:
„Der Kongress „Jenseits des Wachstums?!“ (20.-22. Mai, TU Berlin) war mit 2.500 Teilnehmenden ein großer Erfolg. Es ist gelungen, die Kritik am Wachstumsparadigma und die Suche nach Auswegen auf die politische Agenda zu setzen. In über 70 Veranstaltungen wurde intensiv diskutiert, um nach Wegen in eine ökologisch und sozial gerechte Zukunft zu suchen.“

Doch dabei soll es nicht geblieben sein, viele Veranstaltungen wurden aufgezeichnet, viele Ergebnisse dokumentiert und Beiträge geschrieben. All das ist veröffentlicht auf der Kongresswebsite. Es lohnt sich auf jeden Fall mal reinzuschauen!

Hier aber schonmal ein persönlicher Rückblick von Pia auf den Kongress:

Kommentar zum Kongress: „Jenseits des Wachstums?! Ökologische Gerechtigkeit. Soziale Rechte. Gutes Leben.“

Empören oder Resignieren? Umgestalten oder Transformieren?
Säle voller Aktivistinnen und Aktivisten, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – scharenweise Interessierte am Post-Wachstumskonzept belebten am Wochenende die Hörsäle der TU Berlin und stellten sich auf dem Podium und im Publikum diesen Fragen. Der Kongress „Jenseits des Wachstums“ veranstaltet von attac fand vom 20. – 22.Mai 2011 in Kooperation mit der Heinrich Böll Stiftung, Friedrich Ebert Stiftung, Otto Brenner Stiftung und der Rosa Luxemburg Stiftung in Berlin statt. Wie ist es möglich, mit den Ressourcen, die uns verbleiben, verantwortungsvoll umzugehen und eine möglichst gerechte Verteilung zu gewährleisten? Wie können wir über das bisherige Wachstumssystem hinaus die Gleichberechtigung der Bevölkerungen ermöglichen und dabei auch die Natur als gleichberechtigten Partner anerkennen?
Die Fragen waren ähnlich, doch die Antworten fielen an diesem Wochenende überraschend unterschiedlich aus. Die heterogene Mischung aus Klimaaktivisten und gedienten Parteiangehörigen brachte nicht nur eine teilweise explosive Stimmung bis in die Publikumsreihen sondern auch viele interessante Konfrontationen unterschiedlicher Systemvorstellungen.
Ein Beispiel eines solchen Aufeinandertreffens war die Podiumsdiskussion zum Green New Deal mit MICHAEL DAUDERSTÄDT (Ökonom, Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn), SVEN GIEGOLD (MdEP, Die Grünen, Brüssel/Verden), BIRGIT MAHNKOPF (Politikwissenschaftlerin, HWR Berlin) und SARAL SARKAR (Initiative Ökosozialismus, Köln). Eine schwierige Position vertrat hierbei Dauderstädt, der entgegen dem Motto der Veranstaltung weiterhin auf Wachstumsvorstellungen baute, die auch im globalen Süden zu Wohlstand beitragen könnten und mit dieser systembehafteten Einstellung für anhaltendes Murren im Publikum sorgte. Den stärksten Kontrast dazu bildete Sarkar. Er stellte klar, dass nur eine soziale Revolution eine ehrliche Alternative wäre, da selbst Mechanismen wie der Green New Deal aufgrund des Entropie-Gesetzes unwirksam wären und somit apokalyptische Zukunftsbilder malte, was meiner Meinung nach zu hektischem Aktivismus oder Fatalismus drängte.

Wirklich beeindruckend fand ich die Auseinandersetzung zwischen Giegold und Mahnkopf, die sich beide glaubwürdig und fundiert in diesem engen Zeitrahmen präsentierten. Ohne das Konzept näher zu erläutern, setzten sie sich aus unterschiedlichen Positionen heraus am intensivsten mit dem Green New Deal auseinander. Während Mahnkopf kritisierte, dass der Green New Deal sich auf technische Produktion beschränke und die soziale Revolution beiseiteschiebe, betonte Giegold, wie wichtig es sei, nicht aus einer falschen Ignoranz heraus den Green New Deal zu verurteilen, da nur so die Voraussetzung für einen sozialen Wandel geschaffen werden könne. Den Faktor Zeit völlig zu vergessen und nach einer anderen Strategie zu suchen, sei ein Luxus, den wir uns nicht mehr leisten könnten. Technologische Veränderung zu betreiben und parallel nach einem anderen Wirtschaftsmodell zu suchen, erschien zunächst plausibel. Dennoch fand ich es wichtig, dass Mahnkopf zum Schluss Kritik an Einzelheiten des Green New Deals in den Raum stellte. CO²-Austoß durch Güter, die z.B. in Deutschland konsumiert würden, letztendlich dem Produktionsland anzulasten oder etwa die Gewinnung der Rohstoffe, die für den Green New Deal gebraucht würden, die allerdings nicht in Deutschland liegen, stellten sich zuletzt als eindeutige Schwachpunkte dieses Mechanismus dar.
Ein interessanter Aspekt dieser Podiumsveranstaltung war die Forderung nach einer Ein-Kind-Politik in Europa von Dauderstädt und Sarkar, die eine extrem spaltende Wirkung auf das Publikum hatte. Über die Veranstaltung hinaus stiftete sie Diskussionsstoff dazu, wie hoch die Bereitschaft für ein Leben in unseren natürlichen Grenzen sei.

Weniger kontrovers verlief der Vortrag des noch eloquenteren Sozialpsychologen Harald Welzer, der erst kürzlich ein Paper für die Heinrich-Böll-Stiftung veröffentlichte: „Mentale Infrastrukturen – Wie der Wachstum in die Welt und in die Seelen kam“. Welzer betont die kulturelle Dimension des Wachstumsgedankens und versucht zu erklären, wie sich gesellschaftliche Verhältnisse psychologisch niederschlagen. Dabei stellt er die Bedeutung der Ersten Industriellen Revolution in den Mittelpunkt, wodurch zum ersten Mal gesellschaftliche und soziale Mobilität möglich geworden sei. Daraus folgt für ihn die Entstehung von Lebenslaufkonzepten, die persönlichen Wachstum implizieren und nur durch den anhaltenden Fortschritt möglich würden. Die Aufwertung des eigenen Lebens und Lebenslaufs; das Streben nach einem unbestimmten „Mehr“ in der Zukunft, dass uns der Wachstum verspricht; geht für ihn mit einer Abwertung transgenerationaler Wahrnehmung einher. Das zeige sich unter anderem darin, dass transgenerationale Projekte wie der Kölner Dom nicht mehr zeitgemäß seien und hat für ihn zur Folge, dass wir durch diese internalisierten Denkformen, zukünftige Generationen mehr durch unseren Lebensstil belasten.
Der Kapitalismus bzw. Wachstumswahn liegt also in unseren kognitiven Strukturen begraben und steuert auch diejenigen, die sich vielleicht als völlig losgelöst davon empfinden z.B. in eifriger Selbstfindung und unaufhörlicher wissenschaftlicher Arbeit.
Die bis dahin sehr spannende Theorie, die Anlass zur Selbstreflektion gibt und eine durchdachte Analyse unserer Gesellschaft darstellt, erschien mir weniger pompös und atemberaubend, als die Frage nach Exit-Strategien aufkam. Es wirkte schlicht und einfach nicht besonders befriedigend und innovativ, den Hinweis darauf zu geben, dass man das Thema „Aufhören“, „Entschleunigen“ etc. zur Sprache bringen könne und somit in den Bereich des Möglichen stelle. Falsch sei es, unattraktive Leitvorstellungen wie die des Klimawandels ausreizen zu wollen, anstatt dessen solle man an Vorstellungen von Zeitlichkeit, Transgenerationalität und Gerechtigkeit anknüpfen. Soweit so gut. Aber wie sich das konkret anfühlen kann, konnte durch eine spontane Präsentation des „Aufhörens“ von Welzer selbst vor dem geplanten Ende des Vortrags leider nicht beantwortet werden.
Interessant war die dynamische positive Wirkung die Welzer durch seinen Vortrag im Publikum entfachte, obwohl er selbst als kritischer Konsument und Vorbild nicht sehr glaubwürdig auftrat. Dabei sollte er als Sozialpsychologe doch wissen, dass Glaubwürdigkeit eine zentrale Komponente ist, um Menschen von eigenen Vorstellungen zu überzeugen. Braucht er dazu Lacoste, Polo, drei Autos? Eliten sollten ihre Handlungsspielräume nutzen? Warum fängt er selbst nicht damit an?
Insgesamt habe ich von dem Kongress mehr Fragen als Antworten mitgenommen und statt Zufriedenheit über gestillten Wissensdurst eher ein vages Gefühl von Desorientiertheit. Was könnte besser sein, um sich nicht in alten Vorstellungen einzurichten, sondern sich selbst und die eigene Umgebung grundsätzlich neu einzuordnen?

Von Maria


2 Antworten auf „Kongressrückblick: Jenseits des Wachstums


  1. 1 Romina 20. Juni 2011 um 21:28 Uhr

    Zu dem Thema ein Buchempfehlung: Tim Jackson – Prosperity without growth, jetzt gerade sogar auf deutsch herausgekommen: http://www.amazon.de/Wohlstand-ohne-Wachstum-Wirtschaften-endlichen/dp/3865812457/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1308597702&sr=8-2

    Unter TED hat Tim Jackson auch schon einen Vortrag gehalten:
    http://www.ted.com/talks/tim_jackson_s_economic_reality_check.html

    Als Ökonom hat Tim Jackson für die englische Regierung einen Report mitverfasst wo realistische Wege zur Umgestaltung unserer Wirtschaft beschrieben werden. Ich fands auch sehr verständlich geschrieben …

  1. 1 Klima, Rohstoffe, Artenvielfalt – ist die Zeit reif für die Postwachstumsgesellschaft? – 15. Mai 2012 « KonsumGlobal-Leipzig Pingback am 26. April 2012 um 15:54 Uhr
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