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Das Prinzip Nachhaltigkeit

Am 7. Juni sprachen Prof. Dr. Felix Ekardt und Umweltbürgermeister Heiko Rosenthal zum Thema Nachhaltigkeit, eingeladen vom BUND Leipzig ins Café des Haus der Demokratie im Rahmen der Leipziger Umwelttage.

Überraschend kurz aber inhaltlich umfassend stellte zunächst Prof. Ekardt seine Thesen zur Theorie der Nachhaltigkeit dar. Dazu gehörte, dass jeder Einzelne von uns trotz besseren Wissens es kaum schaffen würde in allen Belangen nachhaltig zu leben. Wir sparen an vielen Stellen Strom, Wasser und Müll ein, aber nutzen gleichzeitig mehr Wohnraum oder unternehmen ferne Urlaubsreisen mit dem Flugzeug. Die Gewohnheiten aus der uns prägenden Umgebung, sowie die Angst auf Verzicht lassen uns beispielsweise immer wieder Auto statt Fahrrad fahren oder häufiger Fleisch konsumieren. Doch was ist tatsächlich ein Verzicht für uns? Mit einer weiteren These unterstrich Prof. Ekardt unsere Chancen auf ein nachhaltiges Leben, wenn nicht nur jeder Einzelne von uns vermehrt das Glück und Wohlergehen aller Menschen zum Ziel hätte. Auch politisch sei ein Umdenken notwendig, wenn Zielkonflikte wie die CO2-Reduzierung um mindestens 90% in Deutschland bei gleichzeitigem Wirtschaftswachstum aufgelöst werden sollen. An dieser Stelle machte Prof. Ekardt deutlich, dass in Deutschland die meisten Emissionseinsparungen bisher durch Verlagerungseffekte, also die Auslagerung der Industrie zum Beispiel nach Asien gewonnen werden.

Den wissenschaftlichen Erkenntnissen gegenüber vertrat Heiko Rosenthal die kommunalpolitische Perspektive in Leipzig. Mit der Initiative „Leipzig weiter denken“ sollen im Bürgerdialog vier Themenblöcke für eine nachhaltige Stadtentwicklung inhaltlich erarbeitet werden: „Leben und Wohnen aller Generationen“, „Neue Energie für alte Häuser“, „Nachhaltige Stadtfinanzen“ und „Mobilität der Zukunft“. (Beteiligung in der Zukunftsreihe unter http://www.leipzig.de/weiterdenken/beteiligen/in-zukunfstreihe-und-werkstaetten/) Zudem sah Heiko Rosenthal die Vernetzung von der EU bis zur Kommunalebene als notwendig an, um Richtlinien der nachhaltigen Entwicklung mit sinnvollen Indikatoren zu entwickeln und umzusetzen. Nur so könnte man mit Interessenskonflikten umgehen wie beispielsweise bei der Umsetzung der Umweltzone in Zusammenhang mit der Luftreinhaltungsrichtlinie.

Mehr Zeit als für die Vorträge war danach für die Diskussion vorhanden. Hier nur einige Stichpunkte, Fakten und Fragen:

  • Prof. Ekardt: Trotz Einhaltung aller aufgestellten Richtlinien für nachhaltige Entwicklung in Leipzig, kann das Ergebnis eine nicht nachhaltige Stadt sein.
  • Bsp. Verbesserte Wärmedämmung von Häusern in Leipzig über die letzten 20 Jahre sollte die Energieeffizienz steigern, aber bei gestiegenem Wohnraum pro Person wird genauso viel oder sogar mehr Energie verbraucht.
  • Wie kann Nachhaltigkeit im Alltag sichtbar werden? Wenn ich nun mit Auto oder Fahrrad die nächsten 10km fahre, ist die Klimabilanz nicht immer gleich im Geldbeutel zu spüren.
  • Bildung findet nicht nur „im Kopf“ sondern auch emotional statt. Beispiel Solargenossenschaft: Menschen sind motiviert einen Baum lange zu pflegen, den sie gepflanzt haben. Wie kann diese Motivation für nachhaltige Wohnkonzepte genutzt werden? Wie können als Genossenschaft organsierte Initiativen sinnvoll mit der Stadt zusammenarbeiten?
  • Idee zur Mobilitätseffizienz: Mehr Straßenbahnen bei Regen?
  • Statt Ökodiktatur ist eine öffentliche Diskussion notwendig: Glück nur für mich oder Glück für alle? Diskussion als Ping-pong-Spiel statt Teufelskreis.
  • Zielkonflikte bei der Stadtverwaltung: Für die wirtschaftliche Entwicklung „musste“ der Standort Leipzig attraktiv sein. Also, dicker Dienstwagen oder Stadtradeln?
  • Institut für Nachhaltigkeit und Klimapolitik: www.sustainability-justice-climate.eu
    Leipzig weiter denken: www.leipzig.de/weiterdenken
    Weitere Veranstaltungen der Umwelttage: www.oekoloewe.de/termine.html

    KGL zur Weltpremiere von „Made in China“

    Im Rahmen des DOK-Festivals wurde in Leipzig am 20.10.11 zum ersten Mal der Dokumentarfilm „Made in China“ in der Kategorie „Internationalen Wettbewerb Dokumentarfilm“ vor Publikum präsentiert. Der 128 minütige Film aus chinesischer Produktion in Originalsprache mit englischen Untertiteln zeigt den Alltag in einer Textilfabrik in Humen, Südchina.

    Über das Jahr wechseln die Arbeiter ständig und so folgt der Film nicht dem Leben von einzelnen Menschen, so dass eher die Fabrik selbst zum Protagonisten wird. Schließlich spielt sich auch das komplette Leben der Arbeiter in den Räumen der Fabrik ab, sie essen und schlafen in gemeinschaftlich genutzten und provisorisch eingerichteten Zimmern. Der Zuschauer bekommt aus nächster Nähe mit, welchem Stress die Arbeiter ausgesetzt sind, wie heiß es in den meisten Monaten des Jahres ist, wie die knappe Freizeit vor dem Fernseher oder mit persönlichen Krisen verbracht wird. Jeder Arbeiter hat seinen eigenen Ventilator und natürlich ein Telefon, aber das Leben in den spärlich eingerichteten Räumen wirkt chaotisch und wenig selbstbestimmt. „Wie sollen wir für das Geld noch mehr arbeiten, wir hatten nur 2 Abende im letzten Monat frei,“ sagt ein Familienvater, der mit Frau und Tochter in der Fabrik arbeitet. Nur der älteste Sohn kann aufs College gehen, die 3 arbeiten, um ihm das Studium zu finanzieren. Wer sich über nicht ausgezahlten Lohn oder Überstunden beschwert, dem wird gekündigt, auch wenn die Fabrik in manchen Zeiten mit der Erfüllung von Aufträgen nicht hinterher kommt. Den Fabrikleiter sieht man meistens rauchend, seltener tut er noch etwas dabei, wie Geld auszahlen oder telefonieren. Er spricht über sich als jemanden, der hohes Ansehen hatte, weil er die Arbeiter gut behandeln würde. Aber über die Jahre hätten andere Fabrikleiter, die weniger nett sind, mehr Erfolg gehabt. Er müsse deshalb auch strenger sein, es ginge schließlich auch ihm nur um das Überleben (inklusive der 2 Packungen Zigaretten am Tag). Sehr oft müsse er Entscheidungen treffen, die gegen sein Gewissen sprechen.
    Erst zur Neujahrsfeier gibt es ein paar Einblicke in das weite grüne Land, denn dann erst konnten die Arbeiter für einige Tage die Fabrik verlassen, um ihre Familien zu besuchen. Dazu wurde ihnen von der Fabrik sogar auch ein Bus zur Verfügung gestellt.

    Nach der Vorstellung stellte sich die Regisseurin Jian Du noch den Fragen des Publikums. Warum sie diesen Film gemacht hätte? Sie wollte zeigen, dass es nicht nur die Arbeit gibt und was daraus wird, sondern dass dahinter Menschen stehen. Mit der Nähe des Films zu den Arbeitern wird uns eine Idee vermittelt, wie das Leben dort sich anfühlt. Auf die Frage, ob der Film auch in China in der Fassung gezeigt wird und was das mit den Zuschauern machen würde, meinte sie, dass der Film bereits angenommen wurde und nicht zensiert wird. Viele Chinesen würden nicht wissen, wie das Leben sich in anderen Regionen des Landes abspielt, so dass diese Nahaufnahme des Fabrikalltags auch für sie etwas Neues sein wird, was hoffentlich ihr Bewusstsein für den Wert von Kleidung und Arbeit im Allgemeinen ändert.

    Wer sich darauf einlassen möchte, kann mit dem Film in einen für uns häufig befremdlichen Alltag eintauchen. Denn hier bekommen die Menschen Gesichter und Würde zurück, die in den Dumpingpreisen für unsere Kleidung nicht enthalten ist.


    Filmtipp: Corazon de fabrica – Heart of the factory

    Das KonsumGlobalTeam traf sich mal wieder zum Filmabend und stellt nun auch hier interessante Filme vor.
    Zuletzt sahen wir Corazon de fabrica, eine Doku von 2008 aus Argentinien zur Übernahme einer Keramikfabrik durch ihre Arbeiter.

    Während der Wirtschaftskrise in Argentinien sind zwischen 1995-2004 etwa 8000 Fabriken geschlossen worden. Gewerkschaften gab es nicht und Versuche welche zu bilden wurden massiv unterdrückt, es herrschten prekäre Arbeitsbedingungen und Arbeitslosigkeit. In einer dieser Fabriken, eine Keramikfabrik der Firma Zanon, begannen die Arbeiter Ende der 90er sich zu formieren indem sie sich am Sonntag zum Fußball spielen trafen. Als später die Fabrik schließen musste, beschlossen sie zu bleiben und den Betrieb weiterzuführen. Einer Zwangsräumung mit dem Tod vor Augen entgangen sie nur durch die Solidarität der Dorfgemeinschaft: 5000 Menschen umstellten die Fabrik und verhinderten eine blutige Auseinandersetzung. Es dauerte noch 4 Jahre bis nach etlichen Demonstrationen, Verhandlungen sowie Bedrohungen durch Firmenbesitzer und Regierung die Arbeiter endlich als Kooperative anerkannt wurden.

    Der Film ist mit über 2 Stunden teilweise etwas langatmig und durch die Zeitsprünge nicht immer leicht nachvollziehbar. Manchmal wurden die englischen Untertitel nicht lang genug angezeigt, wenn die spanische Diskussion besonders hitzig wurde. Aber darauf beschränken sich auch schon die Kritikpunkte, denn der Film wirkt sehr anregend, um mehr über die argentinische Geschichte zu lernen, und war zeitweilig sehr spannend anzusehen. Der rote Faden wurde durch Kinder einer Schulklasse hochgehalten, die in der aktuellen Zeit mit einer Wanderung durch die Fabrik die Geschichte ihrer Übernahme erzählt bekommen. Besonders beeindruckend ist uns hängen geblieben wie sehr die Arbeiter ihre Kinder in den Mittelpunkt der gesamten Dokumentation gerückt haben. Sie waren am häufigsten die Motivation für ihr Engagement in der Fabrik. Die Arbeiter konnten ihren Kindern zeigen, dass soziale und faire Strukturen es schaffen können das Überleben der Familien zu sichern.

    Somit ist unser Fazit: sehr sehenswert!

    Hier der Tailer:

    Kongressrückblick: Jenseits des Wachstums

    Vor einiger Zeit haben wir hier auf den Jenseits des Wachstumskongress in Berlin aufmerksam gemacht. Einige Aktive von KonsumGlobalLeipzig waren mit dabei und haben an vielen spannenden Vorträgen und Diskussionsrunden teilgenommen und ziehen ebenso wie die VeranstalterInnen im großen und ganzen ein positives Fazit:
    „Der Kongress „Jenseits des Wachstums?!“ (20.-22. Mai, TU Berlin) war mit 2.500 Teilnehmenden ein großer Erfolg. Es ist gelungen, die Kritik am Wachstumsparadigma und die Suche nach Auswegen auf die politische Agenda zu setzen. In über 70 Veranstaltungen wurde intensiv diskutiert, um nach Wegen in eine ökologisch und sozial gerechte Zukunft zu suchen.“

    Doch dabei soll es nicht geblieben sein, viele Veranstaltungen wurden aufgezeichnet, viele Ergebnisse dokumentiert und Beiträge geschrieben. All das ist veröffentlicht auf der Kongresswebsite. Es lohnt sich auf jeden Fall mal reinzuschauen!

    Hier aber schonmal ein persönlicher Rückblick von Pia auf den Kongress:

    Kommentar zum Kongress: „Jenseits des Wachstums?! Ökologische Gerechtigkeit. Soziale Rechte. Gutes Leben.“

    Empören oder Resignieren? Umgestalten oder Transformieren?
    Säle voller Aktivistinnen und Aktivisten, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – scharenweise Interessierte am Post-Wachstumskonzept belebten am Wochenende die Hörsäle der TU Berlin und stellten sich auf dem Podium und im Publikum diesen Fragen. Der Kongress „Jenseits des Wachstums“ veranstaltet von attac fand vom 20. – 22.Mai 2011 in Kooperation mit der Heinrich Böll Stiftung, Friedrich Ebert Stiftung, Otto Brenner Stiftung und der Rosa Luxemburg Stiftung in Berlin statt. Wie ist es möglich, mit den Ressourcen, die uns verbleiben, verantwortungsvoll umzugehen und eine möglichst gerechte Verteilung zu gewährleisten? Wie können wir über das bisherige Wachstumssystem hinaus die Gleichberechtigung der Bevölkerungen ermöglichen und dabei auch die Natur als gleichberechtigten Partner anerkennen? (mehr…)

    Atomkraft – na danke! [Meinung]

    Seit Tagen sehen wir nun in den Nachrichten gespannt den japanischen Atomkraftwerken beim Hochgehen zu. Wir sehen daneben Menschen ohne Obdach, ohne Essen, ohne Strom, frierend und hungrig. Wir sehen heroische Einsatzkräfte, die trotz Radioaktivität gegen die Kernschmelze kämpfen und die Helfer humanitärer Hilfswerke, die tausende von Leichen bergen. Und wir sehen abertausende Kilometer entfernt hilflose Politiker zwischen Atomstromlobbyismus und erschrockenen Wählern hin und her schwanken. Zu all diesen Punkten gäbe es einiges zu kommentieren (was auch fleißig getan wird in Blogs und Foren).
    Zeitweise sind nun in den Straßen großer japanischer Metropolen die Vergnügungs- und Einkaufsmeilen fast leer und überall laufen Menschen mit Geigerzählern herum. Japanische Regierungssprecher äußern sich zum Stromengpaß – und um nochmals die Parallele zur deutschen Diskussion zu ziehen: auch hier äußern sich Politiker und Experten zu möglichen Stromengpässen oder Einkäufen von Auslands-(Atom-)Strom bei Abschaltungen von AKWs.
    Bei all diesen Diskussionen (in beiden Ländern) erstaunt der Blick auf nächtliche Straßen doch sehr. Jene menschenleeren Straßen in Tokioter Einkaufsmeilen – sie sind nachts hell erleuchtet! Die Dichte an Leuchtreklame auf den Bildern der Nachrichtensendung war gleissend! Es war taghell dort. Und hier? Wieviele AKWs würden wir denn einsparen wenn … nun, sagen wir: wenn man in den Geschäften auf nächtliche Schaufensterbeleuchtung verzichten würde (mit dem Zweck: liebe nächtens hier vorbeitorkelnde potenzielle Kunden, kommt doch morgen zu den Öffnungszeiten nochmal vorbei!). Und auf die Flachbildfernseher, die mit einminütiger Redundanz Inhalte in bewegten Bildern liefern, die gerade ein halbes Plakat füllen würden? Wie dringend benötigt die Tourismus-Branche nachts um drei angeleuchtete denkmalgeschützte Gemäuer?
    Wir verbrauchen den ganzen Strom, um jede Werbegelegenheit, sei sie noch so unwahrscheinlich, zu nutzen.
    Ich laufe nachts auch hie und da vorbei, und die Geschäfte, die dann hell erleuchtet sind, merke ich mir tatsächlich. Das sind nämlich die, in denen ich am Tag definitiv nichts einkaufe.

    Anderer Ort – andere Möglichkeit: Wie wir einfach unseren ‚Atomausstieg selber machen‘ können, könnt ihr auf www.atomausstieg-selber-machen.de nachlesen.